Montag, 24. März 2008

Stehaufmännchen

Dies hier links ist ein ganz unscheinbarer Strand in Ostafrika. Wegen der dort herrschenden gefährlichen Unterwasser-Strömungen heißt er "Bab-el-Mandab" oder "die Tore des Kummers". Hier ist die schmalste Stelle im Roten Meer, und sie erzählt eine Geschichte von Wagemut, Angst und Hoffnung. Diese Geschichte wurde mit Hilfe modernster genetischer Methoden und Verfahren rekonstruiert. Und sie stammt nicht aus einem Groschenroman.


...Es war einmal eine unbedeutende Spezies von Säugetieren, die vor ca. 70.000 Jahren in Afrika lebte. Sie war weder besonders groß noch besonders schnell oder kräftig, und auch ihre Schönheit hielt sich in überschaubaren Grenzen. Sie ernährte sich im Prinzip von allem, was ihr begegnete - ein bisschen Obst, Wurzeln, Pilze, und jagen konnte sie auch halbwegs. Leider setzte ihr das Klima sehr zu - die damalige Eiszeit bewirkte, dass immer mehr Wasser in Form von Eis gebündelt wurde, so dass die Erde immer mehr austrocknete. Es kam die verhängnisvolle Eruption des Vulkans Toba hinzu, die die Erde durch Staubwolken noch weiter abkühlte. Essen wurde knapp. Die arme Spezies rettete sich zuerst noch durch das Sammeln von Meeresfrüchten am Strand, doch bald gingen auch hier die Vorräte zu Ende. Von den armen Tieren gab es auf der Erde nur noch ca. 2.000 Exemplare - sie waren nach heutigen Maßstäben vom Aussterben bedroht. Eine Gruppe von ihnen hockte hungrig am Strand von Bab-el-Mandab und zählte die Überlebenden. Es waren in dieser Gruppe 150, höchstens 200. Diese Spezies hieß homo sapiens. Sie war am Ende.

Doch seht her! - auf der anderen Seite der Meeresenge lockten die Berge des heutigen Yemen. Dort gab es Futter im Überfluss - nur wie kommt man dahin? Hoch die Küste des Roten Meeres oder entlang des Nil? Wohl kaum - man musste die unwirtliche Sahara überwinden, die zu dieser Zeit besonders lebensfeindlich war. Was blieb, war das halsbrecherische Unternehmen der Überquerung der Wassermassen - 20 Kilometer Meer ohne jegliche Seemannserfahrung. Doch die Gruppe hat es geschafft. Von diesen 150-200 Menschen stammen wir alle, - abgesehen von einigen Afrikanerstämmen - wirklich alle ab (sog. mitochondriale Haplogruppe L3). Dies konnte man durch den Abgleich der mitochondrialen (von der Mutter vererbt) und später auch Y-chromosomalen DNA (vom Herrn Papa) feststellen. Sobald die Abenteurer auf der arabischen Halbinsel waren, konnten sie (bzw. ihre Kinder) entlang der Küste über Persien, Indien und Indonesien bis nach Australien vordringen. Seitenzweige gingen nach Europa und fegten die Neanderthaler weg. Dies hielt sie aber nicht davon ab, sich zuerst mit ihnen und mit den neu entdeckten sog. Denisova-Menschen zu vermischen. Die Menschheit wurde von einem ärmlichen Grüppchen letzter Überlebender zu einer 7 Milliarden Mann starken Armee.

Eine wichtige Konsequenz aus der Tatsache, dass es damals nur 150 -200 Leutchen waren, ist die weitgehende genetische Ähnlichkeit der allermeisten Menschen. In einer Gruppe von Gorillas kann man eine größere genetische Vielfalt feststellen als in der gesamten Menschheit. Die Vorstellung von irgendeiner "überlegenen Rasse" können sich die braunen "Vordenker" auf die Nase schmieren - wir alle sind so nah miteinander verwandt, wie es kaum näher geht.

Seltsame Gedanken gehen einem durch den Kopf. - Was ist, wenn die paar Desperados sich damals nicht getraut hätten? Wenn sie im Meer untergegangen wären? Wenn es auf der anderen Seite doch nicht soviel Nahrung wie erwartet gegeben hätte? Wären wir dann heute noch eine unbedeutende Säugetierunterart im äquatorialen Afrika? Oder hätten wir es bis heute gar nicht geschafft und wären von einem Virus, derer es in Afrika bekanntlich nicht zu wenige gibt, dahingerafft worden? Wer der Anführer der Gruppe gewesen ist, der damals die gefährliche Aktion vorgeschlagen hat, wie er hieß oder aussah, wissen wir nicht. Wir sollten jedoch ab und zu dankbar an ihn denken. Falls ich einmal Zeit und Geld habe, würde ich jedenfalls gern zu diesem Strand fahren, dort müßig Steine ins Wasser schmeißen und sehnsüchtig zum Yemen hinüberschauen.

(Hier kann man die Wanderung seiner eigenen Vorfahren per DNA-Test herausfinden. Das Projekt hat zum Beispiel eine Griechin und einen Indianer zusammengeführt, die eine gemeinsame Ur-Mutter haben. Dies war das erste Wiedersehen der beiden fernen "Geschwister" seit 30.000 Jahren.)

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