Mittwoch, 14. Januar 2009

Ich sehe was, was ich nicht seh

Heute gibt es einen kleinen Ausflug in eine wundersame Welt, in der man Sachen optisch wahrnimmt, ohne sie zu sehen, und umgekehrt, auf etwas direkt schauen kann, ohne es zu bemerken. Wo ist diese Welt, fragst Du? - In deinem Kopf.



Zuerst einmal zum Altbekannten: Dass Menschen etwas wahrnehmen, ohne es bewusst zu "sehen", gilt schon länger als gesichert. Personen mit einer Störung der Seh-Areals im Gehirn sind de facto blind, können aber, da das Auge immer noch perfekt funktioniert, trotzdem ganz ordentlich erraten, aus welcher Richtung ein Lichtblitz kommt. Ob ein für Bruchteile einer Sekunde auf einem Bildschirm eingeblendetes Bild einen Menschen unbewusst beeinflussen kann, ist umstritten; dies hat das Wahlkampfteam von George W. Bush im Jahre 2000 jedenfalls nicht davon abgehalten, in einem Wahlkampfspot die Demokraten auf diese Weise optisch nicht mehr wahrnehmbar als "Rats" (Ratten) zu bezeichnen (Bildausschnitt s.o.).

Viel interessanter ist die erst in den letzten Jahren in den Blickpunkt der Forschung gerückte Eigenschaft des Menschen, Dinge nicht zu sehen, die direkt vor ihm sind. Große Dinge. Bei gutem Licht. Ohne Hektik. Willkommen im Zauberkabinett der optischen Wahrnehmung!

Es fängt schon damit an, dass niemand, der sich selbst im Spiegel in die Augen guckt, die für jeden anderen offensichtlichen kleinen Bewegungen der eigenen Augen bemerken kann. Ja, sie sind immer in Bewegung und stehen niemals still. Man kann dieses Zittern der Augen nicht bemerken (probier es ruhig aus), weil das Auge in der Bewegung selbst nichts sehen kann, da das Bild wie bei einem Fotoapparat verwischt wird. Also gibt ein Bild erst am Ende der Bewegung. Und dann stehen die Augen ja still. Die Bewegung wird aus dem Seh-Eindruck also wegrationalisiert. Es ist irgendwie spukhaft zu wissen, dass Du im Spiegel etwas nicht siehst, was für jeden anderen, der Deine Augen genau anschaut, offensichtlich ist.

Das ist aber noch längst nicht alles. Das Gehirn ist nämlich immer mit einem Problem konfrontiert: Es muss aus der Flut von Signalen, die es bekommt, das Wichtigste herausfiltern und ständig Speicherplatz für neue Sinneseindrücke schaffen. Und dies wird ihm oft zum Verhängnis - die optische Wahrnehmung wird durch lächerliche Kleinigkeiten völlig durcheinander gebracht. Zeigt man einem Menschen ein Foto und gleich darauf dasselbe Foto mit einer deutlichen Veränderung, erkennt er diese meistens sofort. Nicht aber, wenn zwischen den Bildern für 100 Millisekunden ein blanker grauer Fleck anstelle des Fotos kommt. Hier ein Beispiel. Ich wette, Du hast den Unterschied zwischen den Fotos nicht bemerkt. Obwohl er - wirklich! - ziemlich auffällig ist. Der Grund: Wenn das erste Bild verschwindet und der graue Fleck kommt, denkt sich das Gehirn: "Aha, das Bild ist weg, also lösche ich den entsprechenden Speicher, damit ein bisschen Platz frei wird." Und wenn es wieder in veränderter Form auftaucht, hat das Gehirn die Details des ersten Bildes längst vergessen und hat nichts zum Vergleich.

Und wenn Du, lieber Leser, auf etwas schaust, so hast Du zwar ein Gesichtsfeld von ca. 180 Grad, aber glaub ja nicht, dass Du alles, was dort ist, wirklich siehst. Wie schon gesagt, das Gehirn muss filtern, sonst gibt es eine Datenüberschwemmung. Professor Daniel Simons von der Uni Illinois, der ein feines Gespür fürs Absurde hat, zeigte Probanden ein Video, in dem sich mehrere Menschen einen Ball zuwarfen. Die Probanden wurden gebeten, die Anzahl der Würfe zu zählen. Plötzlich erschien unter den Spielern mitten im Bild ein Gorilla, trommelte sich an die Brust und verschwand. 50% der Probanden haben den Gorilla nicht bemerkt. Zu beschäftigt waren sie mit dem Zählen. In späteren Untersuchungen fand man heraus, dass die Augen derjenigen, die ihn nicht sahen, trotzdem zeitweise - erfolglos - direkt auf den Gorilla gerichtet waren.

Daniel Simons hatte aber noch mehr Sinn für Humor und ging weiter: In einem hier gezeigten Experiment merkten zwei Drittel der Passanten nicht, dass die Person, mit denen sie sprachen, im Laufe der Unterhaltung durch eine andere ersetzt worden war. Die Person hatte sie ursprünglich nach dem Weg gefragt; nach einer kurzen Ablenkung, die nicht länger als eine Sekunde dauerte, stand plötzlich jemand völlig anders vor dem Passanten. Diese andere Person war anders gekleidet, hatte eine andere Stimme und war auch von der Größe her verschieden. Trotzdem erklärten die Passanten dem "neuen" Gesprächspartner weiter den Weg, ohne den leisesten Verdacht zu schöpfen. (Ähnliches ist übrigens vor kurzem auch für die Hörwahrnehmung demonstriert worden.)

Man kann also wirklich direkt auf etwas schauen, ohne es zu sehen - und das nur, weil etwas drei Zentimeter weiter rechts oder links für das Gehirn mit seiner begrenzten Rechenkapazität wichtiger ist (hier ein weiteres schönes Beispiel dafür). Und wenn Du glaubst, Dir könnte so ein Unsinn nicht passieren, dann empfehle ich wärmstens den folgenden Kartentrick mitzuverfolgen - bis zum Ende!

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