Samstag, 28. März 2009

Du bist ich

Was passiert, wenn man einem Kleinkind die Zunge zeigt? - Die Chance ist groß, dass das Kind dann die Gefälligkeit erwidert. Wenn man einem Affen was vorsingt? - Der Affe könnte mit einstimmen. Wenn man beobachtet, wie ein anderer versehentlich eine heiße Herdplatte anfasst? - Man zieht mit einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck die Hand an den Körper. Und wenn man kranke Menschen sieht, versetzt sich die eigene Immunabwehr in Alarmbereitschaft.

Die Ursache von diesen Gefühlen und Reaktionen ist ein und dieselbe: Es sind die erst vor kurzem entdeckten sogenannten Spiegelneuronen in unserem Gehirn. Manche bezeichnen sie als die wichtigste Entdeckung in der Neurophysiologie der letzten Zeit. Vereinfacht gesagt sind es Nervenzellen in unserem Gehirn, die alle Handlungen, Gefühle und Stimmungen der Menschen um uns herum simulieren. Sehen wir Diego Maradona beim Dribbeln Richtung Tor zu, wird in unseren Gehirnen eine virtuelle Kopie des Stürmers erstellt. Und wir laufen nicht nur "ein bisschen mit ihm mit", nein, wir sind in diesem Augenblick tatsächlich Diego Maradona. Sehen wir, wie jemand anderes mit einer Nadel gepiekt wird, dann gibt es in unserem Gehirn eine entsprechende Antwort darauf, so dass erst die Abwesenheit von Schmerz uns beruhigen muss, damit wir kein Abwehr- oder Fluchtverhalten zeigen. Durch bloßes Zuschauen versetzen wir uns also unweigerlich in die andere Person hinein.

Wozu das Ganze? - Ganz einfach: damit wir unsere Mitmenschen besser verstehen. Die Evolution hat uns tatsächlich mit Gehirnzellen versehen, die für Empathie zuständig sind (der Neurowissenschaftler V.S. Ramachandran nennt sie deshalb gerne scherzhaft "Dalai-Lama-Neuronen"). Der Mensch als ein von Grund auf soziales Wesen braucht sie, um die Interaktion mit anderen zu erleichtern. Er muss das Innenleben anderer, deren Absichten, Emotionen etc. nicht mehr durch logische Schlüsse aus ihrem äußeren Verhalten erraten, er empfindet es unmittelbar, als wäre es sein eigenes! Bezeichnenderweise sind gerade bei Autisten, also Menschen, die Probleme haben, mit anderen zu interagieren, eine nur schwache Spiegelneuronen-Aktivität festgestellt worden. Auch Ärzte "schützen sich" durch eine verminderte Empfindlichkeit der ständigen Wahrnehmung von Schmerzen anderer.

Die so direkt erfahrene Einfühlung in eine andere Person ist aber auch eben an die Unmittelbarkeit der Wahrnehmungen geknüpft: Sehen wir einen hilflosen Menschen am Straßenrand, haben wir ein stärkeres Bedürfnis, ihm zu helfen, als wenn es um Millionen hungernde Afrikaner geht, die wir nie gesehen haben. Aus evolutionstheoretischer Sicht klar: Wir sollten uns früher nur um die unmittelbaren Stammesmitglieder kümmern, die mit uns oft verwandt waren, und nicht um Leute, die uns nichts angehen. Deswegen sind in dem berühmten Trolley-Dilemma die meisten Befragten einverstanden, einen Menschen auf indirektem Weg, durch Umlegen der Weiche, nicht aber direkt, durch das Herunterstoßen von der Brücke opfern. Die Dalai-Lama-Neuronen, die sein Leiden uns zu eigen machen, verhindern, dass man selbst Hand anlegt.

Asiaten haben sich seit jeher von der Idee des Individuums distanziert. Für sie zählt die Gemeinschaft, der Verband, dem man angehört, die Einheit unter Verschiedenen. Spiegelneuronen geben ihnen in gewisser Weise Recht. Wenn ich mit anderen interagiere, werde ich in deren Köpfen gespiegelt und werde so zu einem Teil von ihnen. Die Grenzen zwischen dem Einzelnen und "den anderen" werden ein Stück weit aufgelöst. Man ist, solange man in direkten Kontakt zu anderen tritt, nie mehr "allein". Ich bin auch ein bisschen Du, und zwar nicht durch deduktive Schlüsse, sondern ganz direkt - dank des Spiegels in meinem Gehirn.

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