Mittwoch, 21. November 2007

Gottes-FAQ


Häufig gestellte Fragen - oder besser: häufig vorgebrachte Argumente für Gottes Existenz (die aber alle nichts taugen). Zur Einleitung siehe Gotteshypothese.



- Aber irgendjemand muss doch den Big Bang ausgelöst haben.

Nein, nicht unbedingt. In der Quantenmechanik sind schon lange Phänomene bekannt, die - wirklich! - ohne Ursache sind. Sie heißen Quantenfluktuationen. Der leere Raum, das Vakuum, ist gar nicht so leer - ständig entstehen und vergehen Teilchen, und zwar ohne jede Ursache, einfach so. Es gibt also im Universum Phänomene ohne einen Auslöser. Dies mal ganz abgesehen von der durchaus auch vertretenen Ansicht, dass unser Universum ein (zB mit Hilfe eines schwarzen Lochs entstandenes) "Baby-Universum" aus einem anderen, älteren Universum ist, und natürlich auch abgesehen von der sich dann anbietenden ganz alten Frage "Wenn Gott das Universum erschaffen hat, wer hat dann Gott erschaffen?" Und außerdem: Wenn Gott erst das Universum erschaffen hat, wo war er eigentlich vorher? Mit "Universum" ist ja auch der Raum gemeint, der im Zeitpunkt des Big Bangs entstand. Wo trieb sich Gott denn vorher rum, als es noch gar keinen Raum gab? Viel Klarheit bringt dieser Denkansatz, wie man sieht, nicht wirklich.

- Aber ohne Gott gibt es keine Moral.

Ein Evergreen in Diskussionen und natürlich ein Märchen. Selbst die Religiösen befolgen nicht Gottes Moral, sondern allein und ausschließlich ihre eigene. Was sie eigentlich machen ist: Sie vergessen die "bösen Stellen" der Heiligen Schriften, stützen sich nur auf die guten - und benutzen sie als eine Quelle, die ihner persönlichen Ansicht Autorität verleiht ("...denn wie schon in der Bibel steht,.."). Wenn man die Bibel wörtlich nimmt, muss man rebellische Söhne genauso töten wie nicht jungfräuliche Bräute und am Samstag arbeitende Menschen (!), ebenso Frauen, die nicht laut genug schreien, wenn sie in der Stadt vergewaltigt werden. Diese Stellen zitieren wir nie, weil sie sich für unsere heutigen moralischen Standards nicht (mehr) eignen. Wie erkennen wir aber, dass wir das Liebesgebot Jesu, nicht aber Gottes Anordnungen von Massenmorden hochpreisen sollen? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir jagen alles, was wir lesen, durch unser eigenes Moral-Barometer und schauen, was es anzeigt. Zeigt es auf Grün, zitieren wir schwülstig und erhaben die entsprechende Passage. Sonst sagen wir verlegen: "Das ist aus dem Kontext/nicht so gemeint/eine Metapher".

Noch nicht überzeugt? Ein Gedankenexperiment: Angenommen, es wird in Palästina eine vergessene Bibel-Papyrusrolle gefunden, an deren Echtheit und Zugehörigkeit zum Rest der Heiligen Schrift kein Zweifel besteht. Angenommen es steht dort geschrieben (leicht anachronistisch): "Fahrradfahren ist eine Sünde - alle Radfahrer sollen deshalb mit 30 Peitschenhieben bestraft werden. In Ewigkeit, so befehle ich's Euch. Hochachtungsvoll, Gott." Würdest Du sowas befolgen? Immerhin - es stammt von Gott und gehört zur Bibel dazu. 99% der religiösen Menschen, die ich kenne, würden es nicht tun und sich auf den "noch unentdeckten tieferen Sinn" berufen, der eine "zu wörtliche Interpretation verbietet". Warum? Weil das göttliche Gebot den Test durch das innere Moral-Barometer nicht bestanden hat.

Ein Mensch, der nur deswegen nicht raubend und mordend durch die Straßen zieht, weil es in einem alten Buch befohlen ist, ist wirklich ein ganz, ganz armseliges Exemplar - und kommt in freier Wildbahn nur äußerst selten vor. Die meisten stützen sich auf ihren ganz eigenen Sinn für Gut und Böse, einen Sinn, der durch die Evolution fest einbetoniert ist und den sogar Schimpansen in ähnlicher Ausprägung haben. - Nur darauf, dass man nach dem Kacken das Entwichene zugraben soll (Deut. 23:14) oder nicht sein eigenes Meerschweinchen vögeln darf (Lev. 20:15) - darauf wäre ich von allein nie gekommen. Danke, lieber Gott, für diesen weisen Rat! Auch eine tolle Lehre ist das Verbot für die Frau, zwei kämpfende Männer an ihren Genitalien auseinanderzuziehen (Deut. 25:11). Stimmt ja auch - was wäre denn sonst bei Boxkämpfen los?

Gott hat nach vorsichtigen Schätzungen im Verlauf der gesamten Bibel über 2 Mio. Menschen umgebracht. Satan dagegen nur 10 - und das nur, weil Gott es ihm erlaubt hat (Buch Hiob). Wo ist hier die göttliche Moral?

- Aber erst Gott gibt dem Leben einen Sinn.

Na, ich weiß nicht. Ich persönlich sehe keinen Lebenssinn darin, jemand anders zu verehren und vor ihm auf die Knie zu fallen. Den Sinn des Lebens in einer Existenz nach dem Tod zu suchen ist zudem mehr als zweifelhaft. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist sowieso grundsätzlich falsch gestellt: Es gibt keinen weisen, geheimnisvollen "Sinn", den ein Eingeweihter uns eröffnen könnte. Das Leben hat keinen Sinn, es ist das Produkt einer Jahrmillionen lang währenden, zufallsbasierten, aufgrund von Naturgesetzen immer komplizierter werdenden Kette von elektro-chemischen Reaktionen auf Kohlenstoffbasis, ob man es mag oder nicht. Jeder von uns ist halt da auf der Welt, reingeschmissen ins Leben, weil unsere Eltern es so wollten. Die richtige Frage ist vielmehr: Jetzt, wo ich da bin, was fange ich mit meinem Leben an, was will ich erfahren, erleben, lernen? Was für eine Art Mensch will ich sein? Wenn ich diese Fragen für mich beantworte, gebe ich selbst meinem Leben eine subjektive Richtung, aber keinen Sinn. Einen "objektiven" Sinn des Lebens, den jemand anders für uns festlegt, gibt es für uns selbstbestimmte Wesen - zum Glück - nicht.

- Aber Hitler war Atheist - und schau mal, was er angerichtet hat.

Erstens: Hitler war römisch-katholisch und zahlte immer brav die Kirchensteuer. In "Mein Kampf" finden sich immer wieder Phrasen wie "Gott will, dass ich die Welt von den Juden befreie" usw., auch schrieb er diesbezüglich u.a. an den Papst Pius XII: "Wir setzen fort das Werk der Katholischen Kirche".

Zweitens: Selbst wenn Hitler Atheist gewesen wäre (Stalin war zB wirklich einer und ein ebenso schrecklicher Despot, ist also ein besseres Beispiel für das Argument): Die Nazi-Ideologie wie auch der Stalinismus hatten alle Attribute einer Religion. Es gab Propheten, die die Wahrheit gepachtet haben; es gab Heilige Schriften, die nicht angezweifelt werden durften. Es gab diffuse Versprechungen einer besseren Zukunft, wenn man nur dem Alpha-Männchen blind glaubt. Und es gab Inquisition gegen Ketzer.

Drittens: Also gut, angenommen, Hitler war Atheist. Er war aber auch heterosexuell. Er sprach deutsch. Er trug einen Oberlippenbart. - Alles abschaffen, bloß weil Hitler so war? Unsinn - er beging die ganzen Greueltaten ja nicht, weil er Atheist war. Da gibt es keine erkennbare Kausalität. Er war einfach ein megalomanisches Arschloch. Und solche gab es unter Gläubigen in der Menschheitsgeschichte ebenso. Wenn Du mich fragst, dann haben es Stalin, Hitler, Pol Pot & Co. nur deshalb "geschafft", so viele Menschen zu töten, weil sie die modernen technischen Mittel dazu hatten, die den christlichen conquistadores in Amerika und Kreuzzüglern im Nahen Osten einfach fehlten. Gib aber Osama bin Laden eine Atombombe, schau, was er damit macht, und dann reden wir nochmal über den body count von Gläubigen und Atheisten.

- Aber Einstein glaubte auch an Gott

Na und? Leibniz war auch ein schlauer Mann und erhob trotzdem zB Einwände gegen Newtons Gravitationstheorie. Aristoteles schwafelte etwas von einem "Äther", der die Welt durchzieht. Nicht alle Genies haben in allem Recht, was sie sagen. Dies mal ganz abgesehen davon, dass Einstein nicht an den biblischen Gott glaubte, sondern eher an den vernunftbasierten Gott der Deisten.

- Aber ich habe Gott persönlich erfahren

Bist Du sicher? Bist Du sicher, dass es wirklich Gott war und nicht einfach nur Deine Einbildung eines Gottes? Verrückte hören auch Stimmen und sind fest davon überzeugt, dass sie real sind. Das menschliche Gehirn ist dafür berüchtigt, bei unbekannten Erfahrungen und Wahrnehmungen bekannte Muster und Erklärungen zu suchen, um sich einen Reim daraus machen zu können. Der Neurologe Michael Persinger hat sogar eine "Gottes-Maschine" konstruiert, mit der man durch Erzeugung komplexer magnetischer Felder im Gehirn ein Gotteserlebnis bei völlig normalen Menschen hervorzaubern kann.

- Aber man kann Gott nicht widerlegen

Man kann ebenfalls nicht widerlegen, dass in meinem Bett eine blonde unsichtbare Fee in französischen Edel-Dessous liegt und auf mich wartet. Der Beweis des Negativen ist sowieso nie möglich. Aber man kann Phänomene für unwahrscheinlich erklären. Wie zB Gott.