Montag, 24. März 2008

Stehaufmännchen

Dies hier links ist ein ganz unscheinbarer Strand in Ostafrika. Wegen der dort herrschenden gefährlichen Unterwasser-Strömungen heißt er "Bab-el-Mandab" oder "die Tore des Kummers". Hier ist die schmalste Stelle im Roten Meer, und sie erzählt eine Geschichte von Wagemut, Angst und Hoffnung. Diese Geschichte wurde mit Hilfe modernster genetischer Methoden und Verfahren rekonstruiert. Und sie stammt nicht aus einem Groschenroman. ...Es war einmal eine unbedeutende Spezies von Säugetieren, die vor ca. 70.000 Jahren in Afrika lebte. Sie war weder besonders groß noch besonders schnell oder kräftig, und auch ihre Schönheit hielt sich in überschaubaren Grenzen. Sie ernährte sich im Prinzip von allem, was ihr begegnete - ein bisschen Obst, Wurzeln, Pilze, und jagen konnte sie auch halbwegs. Leider setzte ihr das Klima sehr zu - die damalige Eiszeit bewirkte, dass immer mehr Wasser in Form von Eis gebündelt wurde, so dass die Erde immer mehr austrocknete. Es kam die verhängnisvolle Eruption des Vulkans Toba hinzu, die die Erde durch Staubwolken noch weiter abkühlte. Essen wurde knapp. Die arme Spezies rettete sich zuerst noch durch das Sammeln von Meeresfrüchten am Strand, doch bald gingen auch hier die Vorräte zu Ende. Von den armen Tieren gab es auf der Erde nur noch ca. 2.000 Exemplare - sie waren nach heutigen Maßstäben vom Aussterben bedroht. Eine Gruppe von ihnen hockte hungrig am Strand von Bab-el-Mandab und zählte die Überlebenden. Es waren in dieser Gruppe 150, höchstens 200. Diese Spezies hieß homo sapiens. Sie war am Ende. Doch seht her! - auf der anderen Seite der Meeresenge lockten die Berge des heutigen Yemen. Dort gab es Futter im Überfluss - nur wie kommt man dahin? Hoch die Küste des Roten Meeres oder entlang des Nil? Wohl kaum - man musste die unwirtliche Sahara überwinden, die zu dieser Zeit besonders lebensfeindlich war. Was blieb, war das halsbrecherische Unternehmen der Überquerung der Wassermassen - 20 Kilometer Meer ohne jegliche Seemannserfahrung. Doch die Gruppe hat es geschafft. Von diesen 150-200 Menschen stammen wir alle, - abgesehen von einigen Afrikanerstämmen - wirklich alle ab (sog. mitochondriale Haplogruppe L3). Dies konnte man durch den Abgleich der mitochondrialen (von der Mutter vererbt) und später auch Y-chromosomalen DNA (vom Herrn Papa) feststellen. Sobald die Abenteurer auf der arabischen Halbinsel waren, konnten sie (bzw. ihre Kinder) entlang der Küste über Persien, Indien und Indonesien bis nach Australien vordringen. Seitenzweige gingen nach Europa und fegten die Neanderthaler weg. Dies hielt sie aber nicht davon ab, sich zuerst mit ihnen und mit den neu entdeckten sog. Denisova-Menschen zu vermischen. Die Menschheit wurde von einem ärmlichen Grüppchen letzter Überlebender zu einer 7 Milliarden Mann starken Armee. Eine wichtige Konsequenz aus der Tatsache, dass es damals nur 150 -200 Leutchen waren, ist die weitgehende genetische Ähnlichkeit der allermeisten Menschen. In einer Gruppe von Gorillas kann man eine größere genetische Vielfalt feststellen als in der gesamten Menschheit. Die Vorstellung von irgendeiner "überlegenen Rasse" können sich die braunen "Vordenker" auf die Nase schmieren - wir alle sind so nah miteinander verwandt, wie es kaum näher geht. Seltsame Gedanken gehen einem durch den Kopf. - Was ist, wenn die paar Desperados sich damals nicht getraut hätten? Wenn sie im Meer untergegangen wären? Wenn es auf der anderen Seite doch nicht soviel Nahrung wie erwartet gegeben hätte? Wären wir dann heute noch eine unbedeutende Säugetierunterart im äquatorialen Afrika? Oder hätten wir es bis heute gar nicht geschafft und wären von einem Virus, derer es in Afrika bekanntlich nicht zu wenige gibt, dahingerafft worden? Wer der Anführer der Gruppe gewesen ist, der damals die gefährliche Aktion vorgeschlagen hat, wie er hieß oder aussah, wissen wir nicht. Wir sollten jedoch ab und zu dankbar an ihn denken. Falls ich einmal Zeit und Geld habe, würde ich jedenfalls gern zu diesem Strand fahren, dort müßig Steine ins Wasser schmeißen und sehnsüchtig zum Yemen hinüberschauen. (Hier kann man die Wanderung seiner eigenen Vorfahren per DNA-Test herausfinden. Das Projekt hat zum Beispiel eine Griechin und einen Indianer zusammengeführt, die eine gemeinsame Ur-Mutter haben. Dies war das erste Wiedersehen der beiden fernen "Geschwister" seit 30.000 Jahren.)

Dienstag, 26. Februar 2008

Die Frechheit des Lebens

Ich werde jetzt mal zwei Aussagen in den Raum stellen, die sehr eng miteinander verknüpft sind. Wie - das erfährst Du am Ende dieses Beitrags. Nr. 1: Nylonstrümpfe zum Frühstück zu essen schmeckt scheußlich. Nr. 2: Wir sind mit Sicherheit nicht die einzige Lebensform im Universum.

Verwirrt? Zu Recht. Aber ich verspreche, dass zwei Absätze weiter die Sache aufgeklärt wird. Es geht nicht mehr und nicht weniger um die alte Frage, ob wir "allein im Weltall" sind oder ob es weitere Lebensformen gibt. Nein, ich meine nicht (nur) die grünen Lebewesen mit Antennen auf dem Kopf, die aus fliegenden Untertassen steigen. Sondern ganz allgemein die Frage, ob das Leben in seiner ganzen Komplexität, die wir auf der Erde beobachten können (unser Gehirn ist nachweislich das komplexeste Objekt, das Menschen je beobachtet haben) eine einzigartige Ausnahme in der öden kalten Dunkelheit da draußen ist.

Obwohl wir es wohl nie mit Sicherheit wissen werden - der Informationsaustausch im Universum ist begrenzt durch die Lichtgeschwindigkeit und daher aufgrund der unvorstellbar riesigen Entfernungen im All viel zu langsam - können wir zum Beispiel die Wahrscheinlichkeitsrechnung bemühen. Einerseits sind die Chancen für solch ideale Lebensbedingungen, wie wir sie auf der Erde haben, äußerst gering (mehr dazu hier). Andererseits aber: Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, so ein 5-Sterne-Wellness-Hotel wie unsere Erde zu ergattern, nur - sagen wir - 0,0001 % wäre, muss man bedenken, wie unglaublich, unvorstellbar viele Sterne es gibt. Ein geflügeltes Wort unter Astronomen lautet, dass bereits im uns bekannten, beobachtbaren Universum es mehr Sterne gibt als Sandkörner auf allen Stränden der Erde. Und selbst wenn bei weitem nicht jeder Stern überhaupt Planeten hat, wird es unter den Abermilliarden der Gestirne ganz bestimmt eine Unmenge von günstigen Konstellationen geben.

Und wenn die Bedingungen halbwegs akzeptabel sind, lässt das Leben nicht lange auf sich warten. Das sieht man sehr schön an der Geschichte unseres Planeten. Eine Milliarde Jahre nach der Entstehung der Erde hat sich die Oberfläche halbwegs abgekühlt, und das ständige Bombardement durch Meteoriten hörte langsam auf. Ungefähr zur selben Zeit entstanden bereits primitive Lebensformen. Das Leben war also, sobald es die Umstände halbwegs zuließen, ziemlich schnell da und ist seitdem nicht von dem blauen Planeten wegzubekommen. Wo wurden sog. extremophile Lebensformen nicht schon gefunden - in kochend heißen Quellen (bis zu 113°C), schwefelsauren Schlammlöchern, unterirdischen Ölkloaken, sauerstofflosen und dunklen Berghöhlen oder hochkonzentrierten Salzlaken. Diese Mikrobenart überlebt das 1000-fache der für Menschen tödlichen Radioaktivitäts-Dosis, indem es seine komplett in Stücke gerissene DNA einfach wie ein Puzzle wieder zusammensetzt. Sogar im lebensfeindlichen Vakuum des Weltraums überleben diese Genossen hier. Es gibt neuerdings sogar Bakterien, die sich - der versprochene Spannungsbogen schließt sich! - von Nylon ernähren. Und wenn solche Gourmets vor unseren Augen überall zu finden sind - dann drängt sich der Gedanke auf, dass die Chemie des Lebens so beschaffen ist, dass es alle möglichen Formen annehmen und sich an alle denkbaren Lebensbedingungen anpassen kann. Und wir können uns außerdem nur auf das kohlenstoffbasierte nukleotidvererbende Leben beziehen, das wir kennen - der Fantasie bzgl. anderer biologischer Konzepte sind keine Grenzen gesetzt.

Das Leben scheint also ziemlich lebensfroh zu sein, außerdem frech und zäh. Allein im Universum - was für ein arroganter Gedanke!

Dienstag, 19. Februar 2008

Das Ende der Welt

"Some say, the world will end in fire, some say - in ice" schrieb einmal Robert Frost und hat damit nach dem jetzigen Stand der Forschung gar nicht so Unrecht. Das Ende der Welt, der Zeitpunkt, in dem alles, wirklich alles, was wir kennen, zu existieren aufhört, hat die Menschen schon lange beschäftigt. Lieder wurden darüber geschrieben, in religiösen Endzeitszenarien die schrecklichsten Dinge offenbart. Meistens geht die Welt dabei in einer gigantischen Katastrophe unter, wobei der Fantasie kein Tier zu abenteuerlich, keine Qual zu sadistisch und kein Schlacht-Tableau zu gigantomanisch ist. In Eis geht die Welt eher selten unter (ein Schelm, der dabei die höhere erzählerische Wirkung des Feuerinfernos gegenüber dem langweiligen Erkalten vermutet). Faszinierend war das Ende der Welt jedenfalls schon immer. Weltuntergangssekten-Mitglieder begingen sogar freiwillig scharenweise Selbstmord, damit sie, der irdischen Apokalypse entgangen, auf fernen Planeten ein neues Leben mit ihren Astralkörpern anfangen konnten. Inzwischen wissen wir ziemlich genau, wie das Ende der Welt ablaufen wird - je nachdem, was man als den Weltuntergang definiert, wird er, frei nach Robert Frost, sehr heiß oder eisig kalt.

Wenn wir auf unsere Erde abstellen, dann sollten wir uns in ca. fünf Miliarden Jahren eine gute Sonnencreme besorgen. Denn dann wird sich die Sonne aufgrund von veränderten Kernfusionsprozessen zu einem "roten Riesen" aufblähen, der Merkur und Venus verschlucken und die Erde rösten wird. Mit verdampften Ozeanen und Oberflächentemperaturen von über 1000 Grad lässt sich schwer überleben.

Erschreckend? Nein, nicht doch. So weit wird es nämlich gar nicht kommen. Schon zwei Milliarden Jahre zuvor wird es nämlich einen kapitalen Zusammenstoß geben zwischen der Milchstraße und der Andromeda-Galaxie (hier eine Animation). Sie fliegen zurzeit ziemlich genau aufeinander zu. Sterne werden aufeinanderprallen, Gravitationswellen die Raumzeit erschüttern, die Laufbahn der Sonne und der Planeten verzerren und die Erde entweder in die Sonne stürzen oder von der Sonne wegziehen, damit sie von umherfliegenden Asteroiden und sonstigem Kollisionsmüll getroffen werden kann.

Feuer, Feuer überall - was ist denn mit dem Eis? Nun, dann müssen wir das wirkliche Ende der Welt abwarten - das Ende des ganzen Universums. Die geheimnisvolle "dunkle Energie", die die Ausdehnung des Universums immer weiter voranpeitscht, legt den Schluss nahe, dass es immer mehr und immer weiter expandieren wird. (Daher ist unsere Zeit übrigens die einzige Zeit in der Geschichte des Universums, in der wir Rückschlüsse auf dessen Entstehung ziehen können. Irgendwann in Zukunft wird aufgrund der immer stärker werdenden Ausdehnung des Weltalls kein einziger Stern am Himmel außerhalb der eigenen Galaxie mehr zu sehen sein - man wird also fälschlicherweise von einem statischen Universum ausgehen!) Am Ende gibt es schließlich den Kältetod. Die letzten Sterne sind verloschen, die Atome auseinandergefallen, ein dunkles, leeres, unendlich weites Nichts auf dem absoluten Temperaturnullpunkt (-273 °C) gähnt uns entgegen. Die Welt endet also im Eis. Aber bis dahin haben wir noch eine Menge Zeit, uns gegenseitig mit Massenvernichtungswaffen abzuschlachten, die Erde bis zur Unerträglichen zu verpesten und neuen Viren-Generationen zu erliegen. Genießen wir also die fröhliche Aussicht!


Montag, 28. Januar 2008

Der nicht allzu freie Wille

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Entschieden? Und wenn ja – aus freien Stücken?


Wer über eigene Gedanken nachdenken und über eigene Entscheidungen entscheiden will, kommt schnell in Schwierigkeiten. So ist auch die alte Frage nach dem "freien Willen" des Menschen viel diskutiert, aber bis heute nicht letztverbindlich gelöst worden. Der freie Wille des Menschen wurde in der westlichen Theologie und Philosophie seit St. Augustin zur Erklärung dafür bemüht, warum Gott trotz seiner angeblichen Güte und Allwissenheit den Sündenfall mit all seinen Konsequenzen hat geschehen lassen; er galt auch als ein wesentlicher Unterschied zwischen dem „göttlich beseelten“ Menschen und den „einfältigen“, instinktgetriebenen Tieren. Die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung bringen etwas mehr Licht in die Debatte und können den Streit aus bloß theoretisch-abstrakten Erörterungen der letzen Jahrhunderte ein wenig auf den Boden der Tatsachen bringen.

Etwas zu wollen, ist das Natürlichste der Welt. (Es gibt eine auf eine makabre Weise lustige Krankheit, aufgrund der Menschen wirklich nichts mehr wollen - und es sie aber gar nicht stört). Jedoch gibt es hier zunächst die überraschende Erkenntnis, dass unser "Wille" weitaus seltener aktiv wird, als wir annehmen. Zu viele Prozesse laufen automatisch ab, bedingt teilweise durch skurrile Kleinigkeiten. So hat John Bargh von der Uni Yale in einem Experiment gezeigt, dass Studenten, wenn sie altersbezogene Worte wie "Falten, grau, müde, krank" lasen, im Anschluss darauf langsamer gingen als eine Vergleichsgruppe. Sie machten sich damit die eben gelesenen Attribute zu eigen, ohne sich dessen auch nur im Geringsten bewusst zu werden. Menschen, auf die von einem Plakat (!) ein paar Augen hinabschauten, benahmen sich unbewusst ehrlicher als sonst, wurde in einem anderen Versuch festgestellt. Personen, die sich in einen Professor hineinversetzt hatten, schnitten bei Trivial Pursuit besser ab als die, die einen Fußball-Hooligan vor den Augen hatten. Und selbst die (idealerweise) freiste und wohlüberlegteste Entscheidung, die es geben kann - ein Richterspruch - hängt offenbar zu einem Großteil doch von ganz profanen Faktoren wie dem Hungergefühl ab. Wir haben uns selbst also schon ganz allgemein viel weniger unter Kontrolle, als wir glauben.

Aber wenn der Mensch mal dazu kommt, sich bewusst zu entscheiden, und die Entscheidung "frei" sein soll, setzt dies zunächst voraus, dass er bei der Entscheidungsfindung keinen von ihm empfundenen Zwängen unterliegt - darin sind sich alle einig. Wenn er will, kann er den rechten Finger heben – oder den linken. Ein Verbrechen begehen – oder gesetzestreu bleiben. Reicht das schon für die Annahme der Willensfreiheit? Oder soll die Entscheidung vielmehr frei von jeglichen Beschränkungen, ja Ursachen, aus einer Art autonomen, unabhängigen Black Box entspringen? Wohl nicht - denn das Universum unterliegt kausalen Prozessen. Und so hat die Neurophysiologie in den letzten Jahren eins völlig unbestritten gezeigt: dass alle Denkprozesse eine naturalistische Grundlage in Gehirnaktivitäten haben. Eine Entscheidung als elektrochemischer Vorgang im menschlichen Gehirn muss also ebenfalls streng kausal bedingt sein. Eine "Entscheidung", bei der das Gehirn kraft "freien Willens" die Gesetze der Physik verlässt und sich nicht-kausal und damit gleichsam zufällig entscheidet, würde alles andere sein als meine eigene. Es wäre eine Nicht-Entscheidung, ein aus dem Vakuum entspringender Prozess, dem ich erstaunt zuschauen würde. Eine Entscheidung wird erst dann "frei", wenn sie durch mich (durch meine bisherigen Erlebnisse, Charaktereigenschaften, gegenwärtige Stimmung etc.) bedingt ist. Voraussetzung der so verstandenen Freiheit (besser: Selbstbestimmtheit) ist damit ironischerweise Determination.

Eckart von Hirschhausen hat es treffend ausgedrückt - das Bewusstsein ist nicht die Regierung, es ist eher der Regierungssprecher, der die bereits getroffenen Entscheidungen in schöne Worte kleiden und nach außen vertreten muss. Das macht auch aus der evolutionstheoretischen Sicht Sinn: Die Annahme eines Bewusstseins, das das Unbewusste vollständig unter Kontrolle hat, ist nicht plausibel. Denn der Bereich des Gehirns, der für das Bewusstsein verantwortlich ist (Großhirnrinde oder Cortex), ist um Hunderte von Jahrmillionen später entstanden als das ursprüngliche, unbewusst instinktgetriebene „Reptiliengehirn“. Dass der „Neuling“ gleich die Kontrolle über den ganzen „Laden“ übernimmt, wäre – wie auch im realen Leben – wenig wahrscheinlich. Zudem sind mit der Zeit immer mehr geistige Phänomene, die früher als unerklärbar oder sogar Ausdruck des Spiels böser Mächte galten - etwa Epilepsie - auf eine naturalistische Grundlage gestellt und "entzaubert" worden. Ist aber eine unheimliche äußere Macht keine Ursache für neurologische Prozesse mehr - wie kann es dann eine unheimliche innere Macht sein, die die Naturgesetze in den Nervenverschaltungen überwindet?
 
Und ja - es entstehen durch ein Zusammenspiel von vielen kleinen "dummen" Dingen oft neue, umfassendere, komplizierte Phänomene. Ein Wassermolekül ist nicht nass, aber Wasser schon. Eine Ameise hat nicht die Eigenschaften einer schlauen Ameisen-Kolonie. Man spricht hier von "Emergenz", von Dingen, die auf höherer Ebene entstehen. Die Willensfreiheit kann man aber nicht durch solch eine Emergenz begründen, denn die kleinsten Elemente bleiben auch beim Wasser und bei der Ameisenkolonie immer gleich. Ein neues, emergentes Phänomen kann  niemals die kleinsten Bestandteile und ihr Wesen verändern. Eine als frei empfundene Entscheidung kann daher nicht von oben herab auf die Gehirnzellen "einwirken" und deren elektrochemische Funktionsweise plötzlich in "Freiheit" umbauen.

Und nun? Sind wir also alle Roboter, Puppen und Bio-Mechanismen? Zu einem gewissen Grad schon, denn unsere Entscheidungen sind determiniert – auch wenn wir aufgrund der irrsinnigen Komplexität des menschlichen Gehirns sie nie mit Sicherheit werden vorhersagen können. Das macht aber nichts - wir haben (im Gegenstz zu echten Robotern) einen Willen, den wir subjektiv - völlig zu Recht - als frei bezeichnen würden. Wir haben Gründe, die uns zu Handlungen bewegen. Lässt man jedoch einen Menschen eine Entscheidung treffen und spult man dann die Zeit 100 Mal zurück, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass er 100 Mal sich genau gleich entscheiden wird - im vollen Bewusstsein, frei zu handeln. Das ist der verwirrende, aber miteinander trotzdem zu vereinbarende Widerspruch zwischen der Erste- und der Dritte-Person-Perspektive. Um den großen Schopenhauer leicht abzuwandeln: Wir können zwar tun, was wir wollen, aber wir können nur das wollen, das wir in diesem Moment zwingend wollen müssen.
(Siehe hier zu den Auswirkungen des fehlenden Anders-Handeln-Könnens auf das Strafrecht)

Mittwoch, 9. Januar 2008

Von Äxten, Schiffen und Seelen

"Das ist die Axt meines Großvaters", pflegen Amerikaner manchmal zu sagen. "Ihr Kopf wurde zwar schon dreimal ausgetauscht und ihr Griff viermal, aber es ist immer noch dieselbe gute alte Axt meines Großvaters". Dieser augenzwinkernde Spruch ist eine gute Einführung in das Problem der Identität. Was meinen wir, wenn wir "dasselbe" sagen? Und was muss man verändern, damit "dasselbe" zu lediglich "dem Gleichen" wird? Eine ältere, etwas zivilisiertere Variante der Fragestellung ist neben vielen anderen Metaphern das sog. Schiff des Theseus, bekannt geworden in einem Werk von Thomas Hobbes, aber erdacht wahrscheinlich schon von Plutarch. Nehmen wir an, es fährt ein Schiff aus dem Hafen A. Während es segelt, verrotten nach und nach alle Planken, aus denen es besteht. Sie werden jedoch dann umgehend durch neue ersetzt. Als das Schiff im Hafen B ankommt, besteht das Schiff aus keiner einzigen "Original-Planke" mehr, da alle inzwischen durch neue ausgetauscht wurden. - Ist es immer noch "dasselbe Schiff"? Wenn man aus den neuen Bauteilen gleich am Anfang ein zweites Schiff gebaut hätte, würden wir bestimmt sagen - nein, es sei nicht dasselbe Schiff, nur ein baugleiches. Aber wenn die Planken nach und nach in das alte Schiff eingebaut werden, wie in unserem Beispiel, dann tendieren die meisten dazu zu sagen, das ankommende Schiff im Hafen B sei dasselbe. Warum? - Es hat dieselbe Identität, dieselbe Geschichte.

"Ich" ist eins der meistbenutzen Worte in unserer Sprache, doch was meinen wir eigentlich damit? Was veranlasst uns dazu zu sagen, wir sind "derselbe Mensch wie vor einem Jahr"? Unser Körper? - bestimmt nicht. Denn wie im Schiff des Theseus wird unser "Baumaterial" regelmäßig erneuert - alte Zellen sterben ab, neue entstehen an ihrer Stelle, die genauso aussehen und genau dieselbe Funktion erfüllen - wie die Bretter des Schiffs. Unser Körper - und das ist die gute Nachricht für alle, die nicht altern wollen - wird nie älter als 7 - 10 Jahre. Lediglich einige Nervenzellen im Gehirn bleiben immer die alten. Statistisch gesehen sind sie jedoch vernachlässigenswert. Und selbst in diesen "änderungsresistenten" Zellen werden die Bausteine - organische Moleküle - immer wieder ausgetauscht. Einer konstanten Körperlichkeit würden wir also vergeblich hinterherjagen - die gibt es nicht. Zudem würde sie unserem Bild vom "Ich", dem denkenden, fühlenden Wesen, das jeder von uns ist, nicht gerecht werden. Denn ohne Bewusstsein sind wir nichts als austauschbares organisches Gewebe.

Bei den sog. "siamesischen Zwillingen" denken wir alle zu Recht, dass zwei Ichs in einem Körper vereint sind. Unsere Identität und Individualität hat demnach nur indirekt etwas mit unseren Körpern zu tun - entscheidend ist der Geist. Das "Ich" als Person entsteht frühestens, wenn das Bewusstsen einsetzt. So wie man beim einem Hirntoten annimmt, die Person sei gestorben, und dem gerade noch lebenden Körper dürfen Organe entnommen werden, ist umgekehrt keine Person bei einem Embryo im 8-Zell-Stadium denkbar. Das "Ich" ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht entstanden.

Jedoch lässt sich auch die Kontinuität unseres so verstandenen "Ichs" in der Zeit anzweifeln. Man könnte meinen, es wären die Erinnerungen, der gesamte Schatz an Lebenserfahrung, den ich angesammelt habe, der von mir zurückgelegte Weg, der "mich" ausmacht. Oder meine Charaktereigenschaften, die meine Persönlichkeit beschreiben? Beides überzeugt nicht ganz: Unsere Erinnerungen an die Vergangenheit schwinden, je mehr wir uns auf unserem Lebensweg fortbewegen. An besondere Erlebnisse können wir uns noch erinnern, aber den Rest vergessen wir. Nur die aktuellen Ereignisse sind noch halbwegs präsent. Oder kannst Du Dich noch daran erinnern, was Du vor 8, 18, 28 Jahren so gemacht hast, was Dir wichtig war, was Dich herumgetrieben hat? - Höchstens in sehr groben Zügen. Auch unser Charakter ändert sich ständig - ohne dass wir uns darüber im Klaren sind. Jetzt gerade fühlen und benehmen sich die meisten von uns doch erheblich anders als in der Pubertät. Was bleibt also über die Zeit übrig? Vielleicht ist diese - möglicherweise unterbewusste - Sehnsucht nach Konstanten in einem sich ständig veränderten Selbstbild und Selbstverständnis das, was unsere Vorfahren zu der Annahme veranlasst hat, es gäbe irgendeine mysteriöse "Seele", die immer dieselbe bleibt, trotz aller äußeren und inneren Veränderungen in uns.

Die Annahme einer "Seele" beantwortet aber nichts, sondern ist - genauso wie der Begriff eines Gottes - eine Joker-Karte ohne richtige Bedeutung. Wir sind nun mal ein Geist in der Maschine des Körpers - aber auch insoweit nichts Konstantes, nichts Identisches, sondern etwas Diffuses, sich ständig Veränderndes, Anpassendes und sich Fortentwickelndes - wie das Leben höchstselbst.

Freitag, 21. Dezember 2007

Spinat und andere Bananen

Es war einmal ein unauffälliges Gemüse mit dem schönen Namen Spinat. Es war solange unauffällig, bis einem Forscher vor 100 Jahren bei der Messung seines Eisengehalts ein Kommafehler unterlief, was zum Mythos geführt hat, das leckere Grün sei eine Eisenbombe. Über Generationen hielt sich hartnäckig die Vorstellung, nach drei Löffeln Spinat könne man mit dem linken großen Zeh Bäume ausreißen. Dabei ist Spinat zumindest in dieser Hinsicht nicht gesünder als Schokolade. Erstaunlich, wie so eine Legende so lange - auch nach ihrer Entzauberung! - überlebt hat. Oder vielleicht doch nicht so erstaunlich? Ich erinnere mich da an die von hier entnommene folgende Geschichte über ein Experiment (dort leider nur auf Russisch, deshalb freie Übersetzung von mir). "Vier Affen sitzen in einem Käfig. Von der Käfig-Decke hängt - lecker, aber unerreichbar - ein Bündel Bananen. In der Ecke steht eine Leiter. Nach einer Weile kommen die Affen auf die Idee, dass man die Leiter unter die Bananen schieben und dieselbe hochsteigen könnte. Der Mutigste von ihnen wagt den ersten Versuch und klettert auf die Leiter in Richtung süße Frucht. Doch bevor er sie erreicht, wird er vom Versuchsleiter, der, von den Affen unbemerkt, auf der Lauer liegt, aus einem Schlauch mit einem eiskalten Wasserstrahl begossen, und nebenbei kriegen auch die anderen drei Affen was ab. Tumult, Geschrei. Als der Strahl aufhört und die Affen halbwegs zu sich kommen, fassen sie nach einer Weile Mut, und ein anderer versucht's noch einmal - mit demselben feucht-kalten "Erfolg" für ihn und alle. Danach gibt es einen affenübergreifenden Konsens - die Bananen sind tabu! Mittlerweile wird ein feuchter Affe aus dem Käfig genommen, und ein trockener, nichtsahnender hineingesetzt. Er ist baß erstaunt über die nicht angerührten leckeren Bananen und fängt an, die Leiter hochzuklettern, doch halt! - die anderen drei Leidgeprüften wollen eine weitere Dusche vermeiden und prügeln auf den Mutigen ein, damit er von seiner dummen Idee ablässt. Dieser versteht nur Bahnhof - seit wann darf man denn keine Bananen mehr essen? - doch er fügt sich. Anscheinend ist es hier so Brauch. Ein weiterer Affe der ersten Generation wird ausgewechselt. Als der zweite neue, trockene Affe nach den Bananen greift, wird er von den zwei verbliebenden nassen und auch dem ersten trockenen verprügelt, ohne dass der erste trockene überhaupt weiß, warum man prügeln muss. Naja, deduziert der zweite Neuankömmling messerscharf, hier ist es wohl Tradition, dass man jedem, der nach den Bananen greift, die Nase poliert. Nach zwei weiteren Auswechslungen befindet sich nunmehr gar kein Affe der ersten, feuchten Generation mehr im Käfig - und doch gehen die Handgreiflichkeiten an jedem Bananengrapscher weiter, obwohl sich der Versuchsleiter mit dem Schlauch längst verdrückt hat und die Affen mit einem Kaffee in der Hand von der Seite beobachtet. So entstehen Traditionen." 

Menschenaffen - und Menschen - scheinen so versessen darauf zu sein, gesellschaftliche Regeln zu befolgen, dass eine einmal einstudierte Verhaltensweise so lange auf "Autopilot" läuft, bis sie offensichtlich widerlegt wird. Leider passiert dies nicht nur bei Spinat oder Bananen, sondern bei viel wichtigeren Dingen. Auch unter Memen gibt es eine Evolution mit dem Überleben des Er folgreicheren - aber nicht immer des Richtigen. Deshalb ist das uralte Rezept für ein Heilmittel, der Glaube an eine religiöse Offenbarung, die althergebrachte Weisheit über das Entstehen der Welt etc. oft gar nichts wert - entweder waren sie von Anfang an kompletter Quatsch oder wurden mit der Zeit obsolet. War es früher vielleicht noch vertretbar, sich im Dreck wälzende bakterien- und trichinentriefende Schweine nicht zu essen, ist dieses Verbot aufgrund des fortgeschrittenen Verständnisses über die Ursprünge der Krankheiten und der besseren Zubereitungsmethoden vollkommen unnötig. War es damals wegen grassierender sexuell übertragbarer Krankheiten und primitiver Verhütungsmethoden vorteilhaft, dass eine Braut jungfräulich in die Ehe ging, gibt es heute eigentlich keinen Grund mehr, dies so zu sehen. Berücksichtigt man die Tatsache, dass ein heutiger Schulabgänger durchschnittlich weit mehr über die Welt weiß als früher der klügste Denker, ist kritisches Hinterfragen überlieferten Wissens heute um so wichtiger geworden. Nicht umsonst lautet eins von den hier vorgeschlagenen neuen Zehn Geboten: "Question everything".

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Der Exorzist

Das hier links ist Mr. James Randi. Er arbeitete 30 Jahre lang als Zauberkünstler und Magier und kennt sich deshalb wunderbar mit den gängigen Methoden und Tricks aus, die es einem ermöglichen, Menschen zu betrügen, zu täuschen, hinters Licht zu führen und ihnen was vorzugaukeln. Berühmt geworden ist er, als er 1972 merkte, dass der angeblich übersinnlich begabte Israeli Uri Geller, der damals mit seinen "Fähigkeiten" beachtliche TV-Erfolge erzielte, mit denselben Tricks arbeitete wie er selbst. Er forderte ihn öffentlich heraus und warf ihm vor, gar keine paranormalen Talente zu besitzen. Das Ganze endete in einer Schadensersatzklage Gellers, insbesondere nachdem er in der "Tonight Show" nach einer durch Randi empfohlenen Abwandlung der geplanten "paranormalen" Demonstration vor einem Millionenpublikum kläglich scheiterte.

Dies gab Randi den Ansporn, es sich zur Lebensaufgabe zu machen, Scharlatane, Quacksalber und Betrüger zu entlarven, die vorgeben, übersinnliche Kräfte zu besitzen, und mit diesen Märchen gutes Geld verdienen. Mit Hilfe eines noch unbekannten Spenders errichtete er eine Stiftung, die James Randi Educational Foundation (JREF). Die Stiftung hat nur eine einzige Aufgabe - demjenigen sofort 1.000.000 $ auszuzahlen, der unter vorher gemeinsam abgesprochenen und kontrollierten Bedingungen eine paranormale Fähigkeit oder ein übersinnliches Phänomen demonstrieren kann. Das Geld ist da, jeder kann sich bewerben. Zusammen wird vorher vereinbart und jeweils vertraglich festgelegt, welches Ergebnis als "Erfolg" zu gelten hat.

Die Tatsache, dass sich die "1 Mio. Dollar Challenge" in entsprechenden Kreisen schon viel herumgesprochen hat, sich wöchentlich mehrere Leute bewerben (bisher insg. ca. 400), und trotzdem seit der Gründung im Jahre 1996 noch nicht ein einziger gewonnen hat, gibt einem kritischen Geist zu denken. Was haben sich da nicht für Figuren angemeldet: Aura-Seher, Wünschelrutengänger, Menschen, die mit Seelen von Toten reden, Gedanken lesen oder übertragen, oder auch eine Dame, die Menschen qua Geisteskraft angeblich dazu bringen kann, sich in die Hose zu pinkeln. Keiner hatte eine Chance. Dabei ist der Exorzist Randi gar nicht verschlossen oder unbarmherzig - die Regeln des Experiments bestimmen die Kandidaten mit ihm zusammen.

Auch kann man sich nicht mit "Ich brauche seine Million gar nicht, ich weiß, dass ich's kann" rausreden. Denn erstens kann man das Geld, wenn man es selbst nicht braucht, kranken Kindern oder hungernden Afrikanern spenden. Und zweitens wäre eine kontrollierte Demonstration solcher Phänomene ein derart archaischer Paradigmenwechsel in der modernen Wissenschaft, wie es ihn vielleicht seit Galilei, Bohr und Einstein nicht gegeben hat. Der Menschheit dieses Wissen und diesen Fortschritt zu verweigern, wäre egoistisch und amoralisch.

Es drängt sich aus diesem Erfahrungsschatz also ein Schluss auf - es gibt schlicht keine übersinnlichen Phänomene. Keine immateriellen Sphären, keine Geister, keine heilenden Schwingungen, keine Gedankenübertragung, keine Telekinese. Die Welt ist hoffnungslos mechanisch. Nur beispielsweise und stellvertretend für den ganzen Rest seien hier die folgenden "Wunder" als durchaus profaner Natur entlarvt:

- die Seele wiegt nicht, wie es mal behauptet wurde, 21 Gramm: Vielmehr ist für die gemessene Gewichtsreduktion von 21 Gramm kurz nach dem Tod eines Menschen der vorübergehende Anstieg der Körpertemperatur verantwortlich, der durch die fehlende Kühlung durch die Lungen daherkommt. Dieser verursacht wiederum ein leicht vermehrtes Schwitzen, durch das die 21 Gramm Flüssigkeit aus dem Körper verdunsten,
- für Uri Gellers "Paradeeffekt" des Löffelverbiegens gibt es mehrere seit Jahren bekannte "herkömmliche" Methoden - gezeigt zB hier, hier und hier,
- Menschen, die vorgeben, sich mit dem "Jenseits" zu unterhalten, benutzen ebenfalls durchaus weltliche Methoden. Zentral ist insbesondere das sog. "Cold Reading" - das Beschaffen von Informationen durch Trickfragen - oder sogar das unverschämte sog. "Hot Reading" - das Besorgen dieser Infos insgeheim vor der Vorführung etwa durch Verwicklung des Besuchers in Gespräche mit unerkannt auftretenden Komplizen oder durch Verwenden seiner Kreditkartendaten, mit denen er das Ticket bezahlt hatte,
- die levitierenden Fakire sind schlicht Trickbetrüger.


Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Jeder, der das Gegenteil behauptet, möge sich zum kontrollierten Test anmelden - oder, wie man bei einer anderen Gelegenheit sagt, "für immer schweigen". Brustvergrößerung durch Handauflegen klappt also doch nicht. Wie schade!